1967

ich war stolzer Besitzer einer Giulia 1600 Super von Alfa Romeo. Mit ihrer glänzenden,silber grauen Farbe und dem typischen Motor- und Auspuffsound erregten wir überall Aufsehen und Bewunderung. Form und Technik dieses Autos hatten eine Ebene erreicht,auf der es ziemlich einsam stand. Viele meiner Freunde beneideten mich,in eine positiven Weise,um dieses Auto. Meine damalige,sehr attraktive,Freundin sah das leider ganz anders. Die Adjektive,die sie benutzte,wenn die Sprache auf die Giulia kam, reichten von häßlich kantig über unbequem bis aufdringlich lärmend. Dank meiner starken Psyche taten diese beleidingenden Äußerungen meiner Zuneigung zu der Giulia jedoch keinen Abbruch. Dann kam der Sommerurlaub,den ich in der Heimat der Giulia verbringen wollte. Aber die ser Urlaub sollte anders werden als sonst. Nicht 3 Wochen in einem Hotel an einem Ort verbringen und täglich faul am Strand liegen. Ich wollte mit der Giulia Piemont erforschen. Dort,wo selten oder nie Touristen zu treffen sind sollte mich die Giulia, auf unbekannten schmalen Nebenstraßen,in alte Dörfer und Orte bringen. Typische ländliche Gasthäuser,statt Nobelrestaurants und 4 Sterne Hotels,sollten unsere abendlichen Ziele sein. Nichts für meine Freundin - (sie sah uns schon auf Ibiza). Also nur Giulia und ich. Wie geplant wurde diese Urlaub durchgeführt. Ich erlebte ein Italien,das ich (obwohl schon oft in diesem Land gewesen) so nicht kannte und nicht erwartet hatte. Ich lernte sehr sympatische und natürliche Menschen kennen,die mir, dem Fremden, oft mit einer Herzlichkeit begegneten,wie man sie bei uns in Deutschland nicht so schnell findet.

Die Mahlzeiten,die diese Leute mit mir teilten, waren einfach aber köstlich. Die Landschaft war teilweise so unberührt und einsam,daß ich oft stundenlang fuhr,ohne einem anderen Fahrzeug zu begegnen. Es gab nur einen bitteren Tropfen in dem lieblichen Urlaubswein : Man zeigte zwar sehr oft Erstaunen darüber,daß ein "Tedesco di Germania" sich in diese Gegenden verlief bzw.ver fuhr. Meiner geliebten Giulia jedoch schenkte niemand auch nur einen Blick,geschweige denn bewundernde Worte. Ich bemühte mich ständig nicht zu zeigen,daß dieses Nichtbe achten eines doch sehr gelungenen ital.Pro duktes,auf das ich sehr stolz war,mich tief innen traf. Es ist halt immer die alte Geschichte vom Propheten im eigenen Land. Ich glaube, wenn damals ein Italiener mit einem VW Käfer nach Deutschland gekommen wäre,hätte er die gleiche Erfahrung gemacht.

1992

25 Jahre sind (viel zu schnell) vergangen, in denen ich viele Freundinnen aber noch mehr Autos hatte. Kleinwagen - bequeme Reiselimousinen - Geländewagen und reinrassige Sportwagen. Im Fühjahr dieses Jahres stolperte ich praktisch in Monza über eine Giulia. Zufall ???

Wieder eine 1600 Super - wieder silbergrau und was mich besonders erfreute: Erstzu lassung 1967. Einziger Unterschied zu meiner Giulia vor 25 Jahren,war die Farbe der Polster. Viele Erinnerungen veranlaßten mich, ohne lange nachzudenken,die Giulia zu kaufen. Nach einigen unbedeutenden Reparaturen und Erneuerungen,war die in die Jahre gekommene Dame,im August voll alltagstauglich. Auf der ersten größeren Fahrt war plötzlich die schon fast vergessene Faszination,die vor 25 Jahren von der Giulia ausgegangen war,wieder da,ohne auch nur etwas davon verloren zu haben.

 

Ich glaube die Giulia,mit ihrer unvergleichlichen Motorsprache,redete mir die Fahrt in die Vergangenheit ein und ich widersprach nicht. So startete ich Anfang September die Reise, die ich bereits vor 25 Jahren unternommen hatte. Die Giulia brachte mich auf denselben Straßen zu denselben Orten und Dörfern und zum Teil zu denselben Gasthöfen wie vor einem Vierteljahrhundert.Sehr oft hatte ich das Gefühl,daß Vieles sich genau so wenig verändert hatte,wie die Giulia. Ich traf Menschen wieder,mit denen ich vor 25 Jahren im selben Gasthaus am selben Tisch gesessen hatte und beim gleichen guten Rotwein (Dolcetto delle Langhe) schwelgten wir gemeinsam von vergangenen Zeiten,die uns, je länger wir sprachen und je mehr Wein wir tranken,so erschienen,als sei es gestern ge wesen. Bei allem Vertrautem gab es doch eine gra vierende Veränderung : Auf dieser Reise stand die Giulia,überall wo wir hinkamen,im Mittelpunkt. Viele Italiener erinnerten sich,daß sie auch einmal eine Giulia besessen hatten - und wie toll doch dieses Auto gewesen war. So erfuhr endlich die Giulia die Bewunderung,auch von ihren Landsleuten, die ihr eigentlich seit ihrer Geburt hätte zustehen müsse. Was mich betraf,so fühlte ich mich auf der gesamten Reise um 25 Jahre jünger. Ich will auch nicht leugnen,daß die Streicheleinheiten,die ich über die Giulia bekam,mir wie Olivenoel Marke Extra Vergine schmeckten.

Kurz nach meiner Rückkehr traf ich zufällig meine Exfreundin von 1967 und mußte die nüchterne Feststellung machen,daß nach 25 Jahren nicht mehr die geringste Faszination von ihr ausging.

T. Onra